Jun 112010
 

Frauen im Ingenieurberuf sind immer noch eine Seltenheit. Überholte Geschlechterrollen, Vorurteile und fehlender Mut sich mit Technik zu befassen, mögen die Gründe dafür sein. Seltsam ist es trotzdem, denn zumindest im Automobilbau reicht die Tradition der Ingenieurinnen genau so lange zurück wie die ihrer männlichen Kollegen.

Sie war wohl die erste Ingenieurin Deutschlands: Bertha Benz, die ihren Mann Karl bei der Entwicklung des Automobils weit mehr unterstützte, als es die Geschlechterrollen am Ende des 19. Jahrhunderts vorsahen. Nicht nur, dass sie mit ihm seine Entwürfe diskutierte und bei der Erprobung der Motoren handfest mit anpackte: Ihre historische Fahrt, die sich der große Ingenieur selbst nicht zugetraut hatte, war alles andere als eine Sonntagsfahrt, sondern eine technische Meisterleistung.

Den offiziellen Titel als erste deutsche Diplom Ingenieurin trägt jedoch Ilse Knott-Ter Meer, die 1924 erfolgreich ihr Maschinenbaustudium an der Technischen Hochschule München abschloss. Knott-Ter Meer wurde ein Jahr später auch das erste weiblich Mitglied im VDI, dem heute rund 9500 Frauen, das sind knapp sieben Prozent der Mitglieder, angehören.

Sieben Prozent sind wenig, in den letzten hundert Jahren scheint sich bei der Situation der Frauen in Ingenieurberufen nicht viel getan zu haben. Den Grund für diese geringe Präsenz sieht Sylke Pageler, Maschinenbauingenieurin und ehrenamtliche Vorsitzende des VDI Bereiches Frauen im Ingenieurberuf, nach wie vor in der klassischen Rollenverteilung. Technische Berufe werden in unserer Gesellschaft häufig als typische Männerberufe angesehen, was die Vorurteile gegenüber Frauen in diesen Berufen erklärt. „Wenn in einem solchen Umfeld bei einer jungen Frau der Wunsch entsteht, ein Studium in diese Richtung zu ergreifen, wird es ihr oft nicht zugetraut,“ weiß Pageler. Das hat dann wiederum den selbstverstärkenden Effekt, dass die Frauen selbst es nicht wagen ein technisches Studium zu ergreifen.

Schule für Ingenieurinnen

Die Förderung von Frauen in Ingenieurberufen beginnt deshalb schon lange vor dem ersten Einstellungsgespräch. Die Geschlechterrollen und die damit verbundene Schere im Kopf der Frauen gilt es bereits in der Schule zu durchbrechen. Durch verschiedene Aktionen wie Girls Ing. oder die MINT Role Models versucht der VDI in der Schule oder beim Übergang ins Studium jungen Frauen zu motivieren, sich mit Technik zu befassen. Die Programme sollen Berührungsängste beseitigen und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten stärken. Offensichtlich mit Erfolg: Die Zahl der Studienanfängerinnen im Maschinenbau und in der Elektrotechnik hat sich in den letzten zehn Jahren auf über deutlich über 20 Prozent verdoppelt.

Ist das Studium erst einmal geschafft, tut sich für die jungen Ingenieurinnen die nächste Hürde auf: das Vorstellungsgespräch. So manch ein männlicher Personalchef mag sich hinter vorgehaltener Hand fragen, ob eine Frau sich überhaupt gegen all die männlichen Kollegen durchsetzen kann oder ob sie den fachlichen Herausforderungen generell gewachsen ist. Als ob das nicht genug wäre, kommt zu diesen Vorurteilen noch die Kinderfrage, die für alle Frauen in höher qualifizierten Berufen zum Problem werden kann. Ein Arbeitgeber investiert nicht unwesentlich in die Einarbeitung und Weiterbildung einer Ingenieurin und fürchtet natürlich im Falle einer Mutterschaft diese Mitarbeiterin zu verlieren.

Dabei sieht Pageler dank des demokratischen Wandels sehr viele Ansätze wie sich diese Ängste auflösen lassen: „Unternehmen entdecken zunehmen, dass Frauen im Ingenieurberuf ein wichtiges Potenzial für das Unternehmen sind. Gründe hierfür sind die Sozialkompetenz, die Frauen mitbringen, und der häufig bei Frauen stärker ausgeprägte Ehrgeiz. Hinzu kommt die Tatsache, dass Frauen nicht so häufig das Unternehmen wechseln, sondern sich eher innerhalb der Firma weiterentwickeln.“

Mit Kind und Kegelschnitt

Unternehmen, die diese Vorteile erkannt haben, sind zunehmend bereit, sich auf die besonderen Bedürfnisse ihrer Ingenieurinnen einzurichten. Gerade große Unternehmen versuchen Frauen mit speziellen Förderprogrammen an sich zu binden und bieten vermehrt flexible Arbeitszeitmodelle und Kindergartenlösungen im Falle einer Mutterschaft an. Kleinere und mittlere Unternehmen, die vielleicht nicht die Kapazitäten für spezielle Frauenprogramme haben, sind dafür durch die kurzen Entscheidungswege flexibler bei Einzelfallabsprachen.

Für diese Gespräche empfiehlt Pageler den jungen Ingenieurinnen zu ihren Bedürfnissen zu stehen und diese auch einzufordern: „Frauen sollten daran denken, dass zur Familienplanung auch die Berufsplanung gehört. Die meisten Frauen studieren ja schließlich nicht, um eines Tages zu Hause zu bleiben, sie wollen in ihrem Beruf arbeiten.“ Sie empfiehlt daher im Fall einer Schwangerschaft offensiv an die Unternehmen heranzugehen, um gemeinsam Möglichkeiten für Teilzeitarbeit, Home Office oder ähnliches zu erarbeiten. Schließlich sollte das Unternehmen daran interessiert sein, den durch die Schwangerschaft drohenden Know-how Verlust zu vermeiden.

Know-how bedeutet in diesem Fall übrigens nicht nur hartes Faktenwissen, sondern eben auch die immer wichtiger werdenden Soft-Skills. Hier bringen Frauen nicht unbedingt mehr, aber von Natur aus eben ganz anderen Fähigkeiten mit wie ihre männlichen Kollegen. Diese Fähigkeiten nutzen mehr und mehr Unternehmen nicht nur bei Führungsaufgaben, sondern darüber hinaus für die geschlechterorientierte Produktentwicklung. Sie haben erkannt, dass Frauen eben mehr wollen als nur rosa Mobiltelefone und einen Schminkspiegel auf der Fahrerseite.

Nicht nur deshalb rät Pageler ihren Kolleginnen auf keinen Fall zu Männern zu mutieren: „Die Unternehmen, die sich für eine Ingenieurin entschieden haben, tun dies sehr bewusst, da sie von der höheren Sozialkompetenz der Frauen profitieren wollen.“

Mit Ingenieurinnen andere, neue Lösungswege für die technischen Probleme der Zukunft zu finden und frische Produkte zu entwickeln, sollte für sich allein schon Grund genug für große wie kleine Unternehmen sein mehr Ingenieurinnen einzustellen. Es gibt jedoch noch einen weitaus pragmatischere Motivation: die bundesweite Ingenieurlücke mit aktuell über 20.000 fehlenden Fachkräften.

Bleibt also zu hoffen, dass sich in Zukunft genau so viele Studierende der Ingenieurwissenschaften auf Bertha wie auf Karl Benz als ihr großes Vorbild beziehen.

Matthias Meier

 

http://microsites.vdi-online.de/index.php?id=1609
Das Netzwerk Frauen im Ingenieurberuf hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Interessen der Ingenieurinnen in der Öffentlichkeit und im Berufsleben stärker zu vertreten.

www.think-ing.de/girls-ing
THINK ING. widmet sich in diesem Special ausschließlich den angehenden Ingenieurinnen.

www.dibev.de
Seit über 20 Jahren setzt sich der Deutsche Ingenieurinnenbund für Frauen in technischen Berufen ein.

www.daimler-benz-stiftung.de/home/events/bb_award/de/center.html#2010
Die Gottlieb Daimler und Karl Benz-Stiftung zeichnet jährlich eine junge deutsche Ingenieurin mit dem Bertha Benz Preis aus.

Sorry, the comment form is closed at this time.