Dez 152010
 

Mobiles Arbeiten war noch nie so einfach wie heute. Smartphones, cloud-basierte Dienste und Überall-Internet scheinen den Weg ins Büro überflüssig zu machen. Dennoch schicken Unternehmen ihre Mitarbeiter nur ungern nach Hause. Das hat technische, unternehmerische und soziale Gründe.

Die Geburtsstunde der mobilen Büroarbeit war wohl die Erfindung des Mobiltelefons. Das hatte am Anfang noch den sperrigen Namen Funktelefon, was durchaus passend war, denn die ersten Handys waren alles andere als handlich. Und dennoch, auf einmal war es möglich, die großen „Deals“ von unterwegs aus dem Auto oder, nachdem der Extra-Stuhl für die Funkkiste zurechtgerückt war, aus dem Café abzuwickeln. Mit dem Laptop wurde dann auch der ganze Papierkram mobil und im Zeitalter des UMTS-Sticks gilt in Anlehnung an Archimedes berühmtes Hebel-Zitat für Geschäftsleute der Grundsatz: „Gebt mir einen Internetanschluss, der schnell genug ist, und ich werde die Welt aus den Angeln heben!“

Ob wir mobil arbeiten können, ist längst keine Frage mehr. Die meisten von uns dürften inzwischen einen Blackberry, ein Smartphone oder schickes iPhone in der Tasche haben. Wer sich bei seiner täglichen Arbeit nicht die Finger schmutzig machen muss, dem würde das theoretisch für die Arbeit unterwegs völlig ausreichen – vorausgesetzt natürlich er hat Mäusefinger und Adleraugen. Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Terminverwaltung, Mail, Telefon, Videokonferenz, VPN-Zugang zum Firmennetz: There’s an app for that, dafür gibt’s das entsprechende Programm und der Internetzugang stellt den Kontakt zu den Kollegen und dem Kunden her. Immer mehr von uns können tatsächlich alles, was Sie zur täglichen Arbeit benötigen, in ihrer Hand verstecken, oder zumindest in einer Umhängetasche mit sich herumtragen.

Nie mehr zur Arbeit fahren

Warum sich also noch über verschneite Autobahnen ins Büro quälen und sich über laut telefonierenden Kollegen und das aufdringliche Parfum der Sekretärin aufregen, anstatt gemütlich von zu Hause aus seiner Arbeit nachzugehen? Diverse Umfragen zum Thema mobiles Arbeiten zeigen, dass ein Großteil der Beschäftigen es vorziehen würde, zumindest einen Teil ihrer Arbeit „unterwegs“ beziehungsweise von zu Hause aus zu erledigen. Ein Wunsch, der jedoch nur von einem verschwindend kleinen Teil der Chefs aktiv unterstütz wird. Warum tun wir uns so schwer, den Traum vom „office-to-go“ zu leben?

Da sind zum einen ganz massive technische Probleme. Denn nicht alles in der bunten App-Welt ist eitel Sonnenschein. Was im Verbund von Privat-PC und Smartphone noch funktionieren mag, scheitert meist am Firmennetz-Administrator oder der naturgemäß konservativ ausgelegten IT-Infrastruktur der Unternehmen. Die Entwicklung von Web 2.0 und der mobilen Endgeräte ist viel zu schnell, als dass selbst der fortschrittlichste Administrator damit Schritt halten könnte. Denn für ihn gilt es nicht nur technische Hürden zu überwinden, sondern auch ein strenges Auge darauf zu haben, was bei der privaten Nutzung oft leichtsinnig vernachlässigt wird: die Sicherheit.

Durch die Auslagerung von Dokumenten und zunehmend auch Programmen in die „Cloud“, sprich die Server von Google, Apple und findiger Start-Ups ist es heute möglich, von überall und unabhängig von Betriebssystem oder Endgerät auf seine Arbeitsumgebung zuzugreifen. Das ist praktisch und steigert die Produktivität, keine Frage. Doch was passiert mit den Dokumenten auf diesen Servern? Sind sie dort vor Mitlesern sicher? Und wer gewährleistet, dass die benutzen Datenleitungen auch wirklich verschlüsselt sind? Die kontrollierte Umgebung des Firmennetzwerks wird so auf einmal zum allseits offenen System. Wikileaks lässt grüßen.

Und noch etwas treibt die Administratoren im Hinblick auf mobile Endgeräte um: der schwierige Support. Bei entsprechender Organisation ist ein defekter Rechner in der Firma schnell ausgetauscht und streikt der Internetanschluss am Arbeitsplatz, kann zur Not beim Kollegen, der gerade in Urlaub ist, weiter gearbeitet werden. Wen der Computer-GAU jedoch unterwegs beim Kunden oder zu Hause erwischt, der steht im wahrsten Sinn des Wortes erst mal auf der Leitung. Seine Arbeitskraft ist für Stunden oder gar Tage lahm gelegt, bis das defekte Gerät ausgetauscht werden kann.

Doch nicht nur technische Hürden müssen bei Einführen von Telearbeit überwunden werden. Viele Chefs plagt der damit einhergehende Kontrollverlust über ihre Angestellten. Die Arbeitswelt ist noch viel zu sehr von einer Stechuhrmentalität geprägt. Es ist die irrige Annahme, dass wer früh kommt und spät geht auch viel arbeitet und damit produktiv ist. Und Anwesenheit lässt sich im Büro schließlich viel besser kontrollieren als zu Hause. Die Gleichung Arbeitszeit entspricht Produktivität mag für Fließbandjobs aufgehen, doch wo Kreativität, Flexibilität und Kundennähe über den Geschäftserfolg entscheiden, ist sie fehl am Platz. Mobiles Arbeiten erfordert daher ein Umdenken von zeitbasierten hin zu projektbasierten Arbeitseinheiten. Dazu werden fest umrissene Arbeitsergebnisse und Abgabetermine vereinbart – wann, wie und wo diese Arbeit erledigt wird, bleibt jedoch dem Angestellten überlassen, der zunehmend wie ein Selbständiger agieren müsste.

Zwischen Selbstdisziplin und Selbstausbeutung

Solch eine „Verselbständigung“ ist natürlich nicht jedermanns Sache und birgt nicht nur für Unternehmer, sondern vor allem für die mobilen Arbeitnehmer ganz besondere Risiken. So stellt ein vom Kollegenverbund losgelöstes Arbeiten sehr hohe Anforderungen an die Fähigkeit zur Selbstorganisation. Es gilt auf einmal, sich selbst in den Hintern zu treten und den strengen Blick des Chefs durch Selbstdisziplin und Eigenmotivation zu ersetzen. Wer die richtige Balance nicht findet, läuft Gefahr, sich mit dem ständigen Wechsel zwischen Laissez-faire und fieberhaften Nachtschichten den gleichen Stress zu verusachen wie ein Vorgesetzter, der ständig Druck macht.

Ist die richtige Arbeitseinteilung und der persönliche Rhythmus glücklich gefunden, lauert die Gefahr ins andere Extrem zu verfallen und sich durch ein zu viel an Arbeit selbst auszubeuten. Schließlich gibt es jetzt keinen Feierabend und keine, die Überstunden anmahnende Zeiterfassung mehr, die einen nach Hause schicken. Wenn Berufs- und Privatleben erst einmal verschwimmen, ist höchste Aufmerksamkeit gefordert, dass dabei ein gesundes Verhältnis der beiden gewahrt bleibt.

Aber selbst die größte Selbstdisziplin schützt digitale Nomaden nicht vor der drohenden Vereinsamung und der Entfremdung von den Kollegen. Aus den Augen, aus dem Sinn ist kein leeres Sprichwort; wer den täglichen Flurfunk verpasst, kommt schnell ins Hintertreffen. Social Media, Skype, Twitter, Facebook und Co. werden zwar oft als digitale Variante des Flurfunks dargestellt, sind aber nur sehr begrenzt ein Ersatz für echte Gespräche und den Kontakt von Angesicht zu Angesicht.

Trotz all dieser sozialen, unternehmerischen und technischen Probleme steht eins fest: Mobiles Arbeiten ist heute so einfach wie noch nie und bietet viele Möglichkeiten, um sowohl die Produktivität des Unternehmens als auch die Zufriedenheit und Motivation der Mitarbeiter zu steigern. Unternehmer, Angestellte und jene unverstandenen Spezies der Administratoren müssen nur lernen, mit diesen neuen Möglichkeiten sinnvoll umzugehen. Und wer weiß, vielleicht wir sogar eines Tages einmal eine Ausgabe der engine „on the road“ produziert.

Matthias Meier

 

http://www.onforma.de/upload/m4c8f58659bed3_verweis1.pdf
Der Reader Mobile Arbeit ist ein ausführliches und aktuelles PDF-Dokument, das sich nicht mit den technischen, sondern mit den sozialen und psychologischen Effekten des mobilen Arbeiten beschäftigt.

 

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